K1024 Schürhoff PorträtEnergisches Kopfschütteln, genervte Blicke und leicht aggressive Handgesten auf der einen Seite. Gesenkter Kopf, verzweifelte Blicke und Tränen auf der anderen. Kinder haben nicht immer nur mit dem Gegner zu kämpfen. Oft sind es die Eltern, die ihnen vom Seitenrand zusetzen. Ein Sieg ist Pflicht und eine schlechte Leistung nicht zu tolerieren. "Überehrgeizige Mütter und Väter sind vielen Kindern höchst unangenehm", sagt Thea Schürhoff.

Und die 87-Jährige hat viel Erfahrung: Jahrelang begleitete sie ihre Kinder auf Turniere (darunter unter anderem die aktuelle Jugendwartin des Deutschen-Tennis-Bundes (DTB) Eva-Maria Schneider). Schon früh zeichnete sich ab, dass zwei ihrer Töchter eine ordentliche Portion Talent auf dem Tennisplatz haben. Mit dem Erfolg der Kinder erhöhte sich auch die Präsenz von Thea und Rolf Schürhoff auf den Anlagen dieser Nation. Vielen anderen Erziehungsberechtigten geht es heute ähnlich: Mehrmals die Woche Training und dazu Turniere am Wochenende bedeuten sowohl für Kind und Eltern viel Einsatzbereitschaft. Das Hobby des Sprösslings wird zur Freizeitbeschäftigung von Mama und Papa. "Das muss in einer Familie besprochen werden", erklärt Schürhoff. "Möchten das überhaupt alle Beteiligten? Sind alle bereit dafür?" Denn: Die Entbehrungen können für alle belastend sein.

Bei den Schürhoffs hat damals regelmäßig der Familienrat getagt, um wichtige Dinge zu besprechen. Dass das Kind nämlich Woche für Woche Hin und Her gefahren wird, ist eben nicht selbstverständlich. Nur darf der Zeitstress und der mögliche Druck nicht auf die Jüngsten übertragen werden. Doch auch für die Erwachsenen können Trainingseinheiten durchaus Längen bereithalten. "Beim Training der Kinder habe ich meistens geschlafen", sagt Schürhoff und lacht. "Ich war immer viel beschäftigt und irgendwann musste ich dann Kraft tanken. Gelegentlich habe ich aber auch zugeschaut oder habe für unseren Betrieb in der Metro eingekauft."

Mehr Souveränität für die Coaches

Ein weiteres rotes Tuch: Kritik am Trainer. Gerade bei Formschwankungen oder frühen Niederlagen wird gerne mal der oft zitierte Übungsleiter in Frage gestellt. Falsches Training, schlechte Taktik. Die Liste der Mängel wird plötzlich immer länger. Da kann Thea Schürhoff nur mit dem Kopf schütteln. Undenkbar sei das zu ihrer Zeit gewesen. Der Trainer galt damals für sie und ihren Mann immer als Institution. "Kritik haben mein Mann und ich nie geäußert. Mit welcher Berechtigung?", fragt Schürhoff. Thea Schürhoff hat zwar erst in gehobenem Teenageralter mit dem Tennissport begonnen. Dennoch wusste sie sehr wohl, wie das Spiel funktioniert. "Der Expertise des Trainers haben wir immer vertraut." Auf welche Art der Kadertrainer die Einheiten gestaltet, wisse er letztlich am besten. Dass der Nachwuchs dann trotzdem mal keine Lust aufs Training hat, kommt schlicht und einfach vor. "Niemand sollte zum Training gezwungen werden. Das funktioniert auf Dauer nicht", sagt Schürhoff. Ein Plädoyer für mehr Souveränität der Trainer, aber auch für gegenseitige Zusammenarbeit. Turnierreisen können beispielsweise gemeinsam mit Kind und Eltern geplant werden. Je besser die Kommunikation, desto wohler fühlen sich alle Beteiligten.

Mit den ersten Erfolgen wächst meist die Erwartungshaltung. Erwartungen der Spieler, der Trainer und der Eltern. Nicht immer fügen sich alle Ansprüche reibungslos ineinander. Es kommt zu Diskussionen. Expertise wird angezweifelt und Druck ausgeübt. Am meisten muss die Spielerin oder der Spieler darunter leiden. "Die Leistungen werden spürbar schlecht", sagt Schürhoff. "Dein Kind sollte stets genug Freiheiten haben und Spaß, vor allem Spaß haben." Denn selbst wenn es mit der Profikarriere nichts wird, soll die Lust am Sport langfrstig erhalten bleiben. "Ich möchte mich nicht als perfekte Tennis-Mama darstellen", sagt Schürhoff eindringlich. "Aber meine mittlerweile erwachsenen Kinder spielen heute noch immer Tennis." Und das, fügt die Grande Dame des Mittelrhein an, sollte allen Eltern am Herzen liegen.

Anfeuern, klatschen und verbessern

Einige Tipps hat Schürhoff zum Abschluss des Gesprächs dann doch noch: "Die Eltern sollten ihr Kind unterstützen, jederzeit und immer positiv", erklärt sie. "Anfeuern, klatschen, auch mal verbessern ist völlig in Ordnung. Darüber hinaus sollte es aber nicht gehen." Wie mit der Spielerin oder dem Spieler nach einem Match, vor allem bei Niederlagen, umgegangen wird, müssen die Eltern erfühlen. "Und natürlich mit der Tochter oder dem Sohn besprechen. Die einen brauchen eine Umarmung, der andere möchte seine Ruhe und der nächste eher eine detaillierte Spielanalyse haben", erklärt die erfahrene Sportlerin. "Nur negativ darf die Kritik nie ausfallen, sondern bitte immer aufbauend."

Autor: Thomas Borgböhmer